Alexej von Jawlensky

Alexej von Jawlensky: In Russland 1864/65–1896

Jawlensky wurde als fünftes Kind von sechs Geschwistern 1864 oder 1865 geboren. Mit sechzehn Jahren lebte er mit der Familie in Moskau, mit dem Ziel Offizier zu werden. Auf der „Allrussischen Industrie- und Kunstausstellung“ sah er 1882 in Moskau zum ersten Mal Gemälde, entdeckte seine Liebe zur Malerei und begann als Autodidakt seine malerischen und zeichnerischen Fähigkeiten zu schulen. Als Offizier erreichte er 1889 seine Versetzung von Moskau nach Sankt Petersburg. Nur dort konnte Jawlensky als mittelloser zaristischer Fähnrich beim Militär an Abenden die Russische Kunstakademie besuchen.

An dieser Anstalt lernte er 1890 den berühmten Vertreter des russischen Realismus Ilja Repin (1844–1930) kennen. Von ihm erhielt er 1892 die Empfehlung, die Ölmalerei bei dessen ehemaligen Privatschülerin, der vermögenden Baronin Marianne von Werefkin (1860–1938), zu erlernen. Sie vertraute ihrem Instinkt, dass Jawlensky bei entsprechender Förderung prädestiniert sei, ein bedeutendes künstlerisches Werk hervorzubringen. Aus der Zeit vor der Jahrhundertwende haben sich jedoch nur wenige seiner realistischen Bilder erhalten.

Alexej von Jawlensky: In Deutschland 1896–1914

1896 zog Werefkin mit Jawlensky nach München. Während Werefkin für zehn Jahre ihre eigene Malerei völlig aufgab, um sich ganz der Ausbildung ihres Schützlings zu widmen, vertraute sie seine malerische Weiterbildung Anton Ažbe (1862–1905) an. Ažbe hatte einen vorzüglichen Sinn für Farben, das Aufflimmern des Lichtes und pflegte eine „virtuose Maltechnik“. 

Ein charakteristisches Ölbild seiner von Ažbe beeinflussten Stilphase ist das im Bild signierte und 1900 datierte Porträt Helene fünfzehnjährig (CR 13), die ihm zwei Jahre später seinen Sohn Andreas gebären sollte. Eine erste Orientierung Jawlenskys in Richtung der Pariser Avantgarde markiert das Jahr 1902, als er begann, Stillleben und Landschaften im neoimpressionistischen Stil zu gestalten.

Das Gemälde Tanz im Freien ist ein bemerkenswertes Bild in Jawlenskys Weiterentwicklung in der Malerei des artifiziellen Spiels mit Licht und Schatten. Es entstand kurz vor September 1903. Eine Röntgenaufnahme belegte, dass sich unter der heutigen Darstellung ein früheres Bildnis befindet. Dargestellt ist eine Dame im schwarzen Rock, die stilistisch vom Gemälde Helene im spanischen Kostüm (CR 21, 1901/02) abergeleitet werden kann. Durch Berichte von Jawlensky und Werefkin lässt sich das Gemälde auf 1904 datieren, wodurch es zu einem weiteren Schlüsselbild und Vorläufer zu Werken wie Abend in Reichertshausen wird, wo sich das Künstlerpaar von Juni bis September 1904 aufhielt. Im Vergleich mit früheren Gemälden zeigt sich, Jawlenskys Malerei war erneut im Umbruch. Langgezogene, kalligraphische Farbbahnen weisen zurück zu seiner bei Ažbe geschulten Handschrift, die in einem eigenartigen Kontrast zu dem flächenhaften Charakter des Hintergrundes aus Farbflocken und –häkchen steht. Letztere bezeugen, dass er sich damals mit der jungen französischen Kunst auseinandersetzte. Mittlerweile wurde seine Malerei auch farbiger.

Das Jahr 1905 verbrachte Jawlensky in Deutschland. In und um Füssen im Allgäu malte er eine Reihe bunter Bilder. Zu dieser Stilphase zählen auch die sechs Gemälde, die er zur Ausstellung in der von Sergei Pawlowitsch Djagilew (1872–1929) organisierten russischen Abteilung der dritten Veranstaltung des Salon d’Automne nach Paris schickte, z. B. Mixed Pickles. Weihnachten 1906 verbrachten Jawlensky und Werefkin in Sausset-les-Pins, um im Januar 1907 über Genf zurück nach München zu reisen. In der zweiten Hälfte des Februar 1907 traf Jawlensky im Münchner Kunstverein auf den Berliner Neoimpressionisten Curt Herrmann (1854–1929) und den Malermönch und Nabi Künstler Jan Verkade (1868–1946). Im August ist Jawlenskys und Werefkins Aufenthalt im Markt Kaisheim im Landkreis Donau-Ries nachweisbar. Einen Monat später hielten sie sich, durch mehrere datierte Skizzen der Werefkin belegt, in Wasserburg am Inn auf. Im Oktober dokumentieren ebenfalls datierte Skizzen der Werefkin den Besuch des Malerpaares im Markt Murnau am Staffelsee. 

Noch im Frühjahr 1908 blieb Jawlensky mit seiner Malerei den "Vätern der Moderne" weiterhin treu, entdeckte jedoch zunehmend die Kunst und Kunsttheorie von Paul Gauguin (1848–1903). Mit finanzieller Unterstützung Werefkins erwarb er in der Kunsthandlung von Franz Josef Brakl (1854–1935) van Goghs Gemälde Die Straße in Auvers/La maison du père Pilon. Es bedurfte einer fremden, Jawlensky ganz besonders beeindruckenden Autorität, ehe er sich dazu entschließen konnte, seine am Pointillismus angelehnte Malerei endgültig aufzugeben. Ostern 1908 machte Jan Verkade den Maler mit Wladyslaw Slewinski (1854–1918) bekannt. Slewinski, der eine ausgesprochene Aversion gegen „Farbkleckser“ – Neoimpressionisten – hatte, brachte Jawlensky von seiner Malerei in Pünktchen und Häkchen ab und bewog ihn, zur Gauguinschen Flächenmalerei zu konvertieren.

Im Sommer 1908 kam es zu der legendären Zusammenarbeit zwischen Werefkin/Jawlensky und Münter/Kandinsky. Möglicherweise hatte sich danach das Verhältnis zwischen den beiden Malerpaaren kurzfristig getrübt. Denn Weihnachten 1908 hatten Werefkin, Jawlensky, Adolf Erbslöh (1881–1947) und Oscar Wittenstein (1880–1918) alleine die Idee, die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) zu gründen. Münter und Kandinsky waren jedenfalls an dem Projekt zunächst nicht beteiligt. Darüber ärgerte sich Kandinsky noch Jahre später. Die Missstimmung erklärt zu einem gewissen Grad dessen zögerliches Verhalten, als man ihm im Januar 1909 anbot, den Vorsitz der N.K.V.M. zu übernehmen. Im Januar 1909 wurde das Manuskript zur Vereinsgründung der N.K.V.M. verfasst und Kandinsky zum ersten Vorsitzenden gewählt. Ab Mai bis im September arbeiteten die beiden Künstlerpaare wieder zusammen in Murnau. Der Tänzer Alexander Sacharoff (1886–1963) bereitete damals mit Werefkin und Jawlensky seinen großen Auftritt im Odeon in München vor.

Am 1. Dezember fand die Eröffnung der ersten Ausstellung mit 16 Künstlern statt, die in der Presse viel Kritik erntete. Kurz darauf hatte sich das Verhältnis Jawlenskys zu Werefkin wieder einmal sehr getrübt, worauf sie nach Kaunas in das russische Litauen reiste. Dort verbrachte sie den Winter 1909 und das Frühjahr 1910 bei ihrem Bruder Peter von Werefkin (1861–1946), der von 1904 bis 1912 dort Gouverneur war.

Die Sommerfrische 1912 verbrachten Jawlensky und Werefkin im Markt Oberstdorf. Dieses Jahr stellt den Zenit von Jawlenskys expressionistischem Schaffen dar. Markante Bilder sind z. B. seine Porträts z. B. Turandot II oder sein Selbstbildnis, und auch seine Landschaften Gebirge bei Oberstdorf oder Blaue Berge. Von Oberstdorf nach München zurückgekehrt, fanden Werefkin und Jawlensky das nobel ausgestattete Buch „Das Neue Bild“ von Otto Fischer[32] vor, das als Veröffentlichung der N.K.V.M. zur Winterausstellung dienen sollte. Über dessen Text und die Erläuterungen zu den einzelnen Künstlern waren Werefkin und Jawlensky empört, worauf sie die N.K.V.M. verließen. 


Alexej von Jawlensky: In der Schweiz 1914–1921

Als Deutschland seine Ausländer außer Landes wies, emigrierten Jawlensky und Werefkin in die Schweiz. Ab diesem Zeitpunkt musste Jawlensky von dem luxuriösen Leben Abschied nehmen, das ihm Werefkin bisher geboten hatte. In seinem kleinen Zimmer, am Fenster sitzend, versuchte er der Landschaft des Genfersees malerisch etwas Besonderes abzugewinnen. Mit der Zeit entwickelten sich die der Natur entnommenen Details zu Metaphern aus den nicht sichtbaren Welten des Gefühls, der Seele und des Geistigen. Die ersten Arbeiten, die entstanden, empfand Jawlensky als „Lieder ohne Worte“. Offiziell nannte er sie „Variationen über ein landschaftliches Thema.“ Diese in Serie gemalten Bilder waren der Anfang eines unvergleichlichen Werkes, in denen der frühere Expressionist mit zunehmendem Alter den Farben und Formen neue Werte abrang. Am Ende der langen Kette von Variationen steht das Bild Geheimnis. Das Malen von Köpfen in den Jahren 1915–1918 ist mit diesen Variationen verwandt.

1916 trat eine neue Frau in Jawlenskys Leben, die fünfundzwanzig Jahre jüngere Galka Scheyer (1889–1945). Sie sollte künftig Werefkins Rolle als Förderin seiner Kunst übernehmen, allerdings mit dem Unterschied, dass er vertraglich geregelt, künftig 45% seiner Einnahmen aus Bilderverkäufen an sie abgeben musste.

Ende September 1917 zogen Jawlensky und Werefkin mit Dienstpersonal nach Wollishofen bei Zürich, wo er seine Serie der Mystischen Köpfe zu malen begann. Als Inspiration diente ihm nunmehr das menschliche Gesicht. In der Regel handelt es sich um Frauenköpfe. 
Im Frühjahr 1918 siedelte das Paar in den Kanton Tessin nach Ascona am Lago Maggiore um. Aus den Mystischen Köpfen entwickelte Jawlensky dort allmählich eine neue Serie von Kopfbildern, die Konstruktiven Köpfe oder Heilandsgesichter. Diese sind nun schulterlos, der Hals wird noch angedeutet, wodurch reale Bezüge zur dinglichen Welt weitgehend reduziert wurden. Die Gesichter werden noch nicht streng frontal dargestellt, sie können nach links oder rechts geneigt sein. Je nach kompositorischer Vorstellung gestaltete er sie mit geöffneten (CR 1072) oder geschlossenen Augen (CR 1146). 

Alexej von Jawlensky: In Deutschland 1921–1941

Galka Scheyer hatte 1921 Jawlenskys Teilnahme an einer Ausstellung im Nassauischer Kunstverein in Wiesbaden organisiert. Für ihn wurde sie nicht nur zu einem finanziellen Erfolg: „Ich begegnete dort sehr netten Menschen und das bestimmte mich, meinen Wohnsitz in Wiesbaden zu nehmen“, berichtet er in seinen Lebenserinnerungen. 1922 trennte sich Jawlensky von Werefkin und heiratete im Juli in Wiesbaden deren Dienstmädchen Helene.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen hatte sich Jawlensky früher nie um die Herstellung von Graphik gekümmert. Der neuerlichen Not gehorchend, befasste er sich an seinem neuen Wohnort dann doch mit der Lithographie und der Radierung. Beim Nassauischen Kunstverein gab er als Mappenwerk sechs Lithos, Köpfe in schwarz/weiß, heraus. Um dieselbe Zeit schuf er Radierungen, von denen man lange Zeit nur vier kannte, bis 1987 die Druckplatten von vier weiteren seiner Radierungen in Wiesbaden auftauchten. 1924 kam Scheyer mit Jawlensky, Kandinsky, Paul Klee (1879–1940) und Lyonel Feininger (1871–1956) überein, einen Verbund zu bilden, um deren Werke in den USA unter dem Begriff Die Blaue Vier bekannt zu machen und zu verkaufen. Die erste Ausstellung dieser Vereinigung war 1924 in San Francisco. In den folgenden Jahren waren jedoch Jawlenskys Verkaufserfolge wechselhaft.

Was dauerhafte Freundschaften in Wiesbaden anbetraf, so fand er sie erst 1927 in zwei Frauen, Lisa Kümmel (1897–1944) und Hanna Bekker vom Rath (1893–1983). Sie kümmerten sich in jeder Hinsicht um ihn. Die Kunstgewerblerin Kümmel hatte er im Frühjahr kennengelernt. Mit ihr und weiteren 25 Mitgliedern gehörte er der Freien Künstlerschaft Wiesbaden an. Sie erledigte bis zu seinem Tod alle seine geschäftlichen und persönlichen Arbeiten, betreute seine Bilder, legte sein erstes Werkverzeichnis an und schrieb nach seinem Diktat seine Lebenserinnerungen auf. Als sich im Juni 1927 seine rheumatoide Arthritis bemerkbar machte, begab sich Jawlensky zu einem ersten Kuraufenthalt nach Bad Wörishofen 

Als die Lähmungserscheinungen 1930 zunahmen, begab er sich für drei Monate mit finanzieller Unterstützung der Malerin Ida Kerkovius (1879–1970) in eine Klinik nach Stuttgart. Seit 1937 war er auf einen Rollstuhl angewiesen. 72 seiner Werke wurden in deutschen Museen beschlagnahmt, 3 davon wurden auf der Ausstellung Entartete Kunst in München ausgestellt. Im Dezember malte er seine letzten Meditationen, die farblich immer dunkler und fast monochrom geworden waren, dennoch wirken sie transluzid, z. B. Das große Leiden. Ab 1938 war Jawlensky durch vollständige Lähmung für den Rest seines Lebens leidend ans Bett gefesselt. Er starb am 15. März 1941 im Alter von 76 Jahren. 

Sie können Werke von Alexej von Jawlensky in der Kunstgalerie Franke-Schenk in München kaufen. Wir beraten Sie gerne.

 

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Alexej von Jawlensky aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.