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Artist: Augusto Giacometti
(1877 Stampa – 1947 Zürich)

Die Schweizer Künstlerfamilie Giacometti stammt aus dem Bergell. Die künstlerische Tradition begründeten der Maler Giovanni Giacometti (1868 Stampa – 1933 Glion) und sein Cousin zweiten Grades, der Maler und Kunstgewerbekünstler Augusto Giacometti (1877 Stampa – 1947 Zürich) aus Stampa. Zu Weltruhm gelangten eine Generation später Giovanni Giacomettis Söhne, der Maler und Bildhauer Alberto Giacometti (1901 Borgonova – 1966 Chur) und dessen Bruder, der Designer und Bildhauer Diego Giacometti (1902 Borgonovo – 1985 Paris). Nachlassverwalter wurde deren jüngster Bruder, der Architekt Bruno Giacometti (1907 Bregaglia – 2012 Zollikon). Wie seine Brüder so richtete auch er sein Leben außerhalb des Bergells im Kanton Zürich ein.
Der Begründer der Malerdynastie, Giovanni Giacometti (1868 Stampa – 1933 Glion), stammte aus einer Kaufmannsfamilie. Er heiratete die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Annette Stampa, die zum tonangebenden Patriziat des Bergeller Tales gehörte. Der Freiluftmaler studierte in München (Kunstgewerbeschule) und Paris (Académie Julian) zusammen mit seinem Malerfreund Cuno Amiet (1868 – 1961). Giovanni Giacometti war geprägt vom Neoimpressionismus, den Fauves und dem deutschen Expressionismus. Der Pointillist Giovanni Segantini (1858 – 1899) förderte den jungen Künstler in seinem Atelier in Maloja. Giovanni Giacometti feierte mit seinen impressionistischen Landschaftsbildern in der Schweiz große Erfolge, war aber auch auf dem internationalen Markt gefragt.
Augusto Giacometti (1877 Stampa – 1947 Zürich) wurde in Stampa in arme und widrige Verhältnisse hineingeboren. Er musste sich sein Künstlerdasein mühsam erkämpfen. Nach einer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Zürich und bei Eugène Grasset in Paris, arbeitete er in Zürich und Florenz. Seine dekorativen Werke stehen in der Nachfolge des Jugendstils und des Symbolismus. Seine Kompositionen, in denen Farb- und Lichtwirkungen sich verselbständigen und entgrenzen, gehören kurz nach 1900 zu den ersten Bildschöpfungen, die sich der Abstraktion nähern. Der Künstler widmete sich besonders der Glaskunst und wurde einer ihrer Erneuerer nach dem Ersten Weltkrieg. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die farbintensiven Glasfensterentwürfe in den Kirchen von Frauenfeld, des Grossmünsters und Frauenmünsters in Zürich, sowie in zahlreichen Dorfkirchen, beispielsweise in Zuoz oder Adelboden. Auf seinem Grabstein steht: „Meister der Farbe“.
Alberto Giacometti (1901 Borgonova – 1966 Chur) ist der älteste Sohn von Giovanni Giacometti. Der Hochbegabte begann im Atelier des Vaters in Stampa schon als Kind sich mit den Techniken der Malerei auseinander zu setzen. Er studierte in Paris die Bildhauerei bei dem Rodin-Schüler Antoine Bourdelle. Ausgelöst durch die Erschütterungen des zweiten Weltkriegs, entstand nach der surrealistischen Phase des Frühwerks, in den fünfziger und sechziger Jahren das eigenwillige Hauptwerk Alberto Giacomettis. Mit ihm erlangte er Weltberühmtheit. Überlängte Gestalten in reduzierter Körperwiedergabe, Männer, Frauen und Tiere, verraten dabei unter anderem Giacomettis Orientierung an der ägyptischen Stelenkunst. Alberto Giacometti ist einer der wichtigsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Seine Werke stehen in allen bedeutenden Museen der Welt.
Diego Giacometti (1902 Borgonovo – 1985 Paris) ist der zweite Sohn Giovanni Giacomettis. Der angehende Kaufmann zog mit 23 Jahren zu Alberto Giacometti nach Paris und wurde sein Assistent. Diego saß seinem Bruder täglich Modell und erledigte in immer größerem Umfang die anstehenden handwerklichen Arbeiten. Ab 1939 schuf er eigene bildhauerische Werke, belegte während des Zweiten Weltkriegs Kurse an der Skandinavischen Kunstakademie und spezialisierte sich auf Tierskulpturen. Ab 1950 entstanden 4000 bis 5000 eigene Möbelentwürfe und Objekte. Sein prominentester und letzter Auftrag war die Innenausstattung des Musée Picasso in Paris.

Literatur
Bruno Giacometti, Bruno Giacometti erinnert sich. Gespräche mit Felix Baumann. Zürich 2009
Paul Müller, Giovanni Giacometti, 1868 – 1933. Werkkatalog der Gemälde. Werkkataloge Schweizer Künstler Bd. 16/2, Zürich 1997
Toni Stooss (Hg.), Alberto Giacometti. 1901 – 1966. Ostfildern 1996
Pietro Bellasi/Marco Obrist/Tulliola Sparagni (Hgg.), Die Familie Giacometti. Das Tal, die Welt. Fondazione Antonio Mazzotta, Mailand 2000